.

10. Städtebauliche Entwicklung und Wohnen
10.5 Nicht-realisierte Projekte
Beispielhaft sollen hier verschiedene städtebauliche Projekte beschrieben werden, deren Planungen jedoch nicht ausgeführt wurden.  Nicht-umgesetzte Projekte im Bereich Verkehr und Infrastruktur werden in den jeweiligen Kapiteln abgehandelt.

Karte Nicht-Realisierte Projekte
Abb. 10.5.1
Übersichtsplan mit nicht-realisierten Bauprojekten auf dem Rastpfuhl (höher aufgelöste Grafik als PDF-Datei)
1: Neubau Telegrafenzeugamt (1932-38)
2: Neugestaltung Gartenwirtschaft (1936)
3: Neubau Knabenrealgymnasium (1959)
4: SS-Siedlung (1930er-Jahre)
5: Großprojekt Knappenroth (1970er-Jahre)


10.5.1 Telegrafenzeugamt
In den 1930er-Jahren wurde von der Reichspostdirketion (RPD) Saarbrücken auf dem Gelände zwischen der Lebacher Straße, der heutigen Rheinstraße (damaliger Name: Deutsche Straße) und der verlängerten Lahnstraße die Errichtung eines "Telegrafenzeugamts"  und einer "Kraftwagenhalle" geplant. Ein Telegrafenzeugamt war für die Beschaffung und Verteilung von Materialien und Werkzeugen für Telekommunikationseinrichtungen zuständig.
Die Fläche, auf dem sich heute die Kirche St. Paulus, das katholische Kinderhaus, das Pfarramt und die Italienische Katholische Mission befinden, wurde bereits in Plänen aus dem Anfang der 1930er-Jahre als "Gelände für Großgaragen oder Werkstätten" ausgewiesen. In einem konkreten "Bebauungsplan" aus dem Jahr 1938 sind mehrere ein- bis dreigeschossige Gebäude (Lagerhaus, Werkstatt, Kraftwagenhalle) eingezeichnet.

Quellen
1. StA SB V 60 – 23 (G60-23): Bebauungsplan für das Gebiet an der Leipziger und Lebacher Straße (Neu-Malstatt) mit Plänen: Plan mit diskutierten Straßenverläufen
2 .StA SB V 60 – 57 Verschiedenes: Schreiben des Präsidenten der Reichspostdirektion v. 18. Januar 1938 an den Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken mit Bebauungsplan der Reichspostdirektion v. 9.Januar 1938 für Telegrafenzeugamt und Kraftwagenhalle
3. StA SB V 60 – 57 Verschiedenes: Plan der Städtebauabteilung der Stadt Saarbrücken v. 12. Februar 1938 mit dem "Vorschlag für ein Telegrafenzeugamt an der Lebacher und Deutschen Straße"


10.5.2 Neugestaltung Gartenwirtschaft Rastpfuhl

Für die ehemalige Gaststätte "Zum Rastpfuhl" am Rastpfuhl 4-5 gab es in den 1930er-Jahren Pläne für eine umfassende Neugestaltung. Das vorhandene Gaststätten-Gebäude sollte abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Neben einer Kegelbahn war ein großer Biergarten vorgesehen, der sowohl von der heutigen Straße Rastpfuhl als auch vom heutigen Bliesweg zugänglich sein sollte. Die Fläche am Bliesweg wurde später mit einer Tankstelle und danach mit einem Mehrfamilienwohnhaus bebaut.
Quelle:
StA SB V 60–23 (G60-23): Bebauungsplan für das Gebiet an der Leipziger und Lebacher Straße (Neu-Malstatt) mit Plänen:
Brief des Städtischen Hochbauamts Saarbrücken an den Beigeordneten Dr. Werle v. 19. August 1936 mit Skizze zur Neugestaltung Gartenwirtschaft Rastpfuhl v. 18. August 1936


10.5.3  Knaben-Realgymnasium
Die Schulgebäude des Knaben-Realgymnasiums (heute: Gymnasium am Schloss)  in der Ottostraße (heutiger Name: Klausnerstraße) wurden im 2. Weltkrieg stark beschädigt und mussten 1946 abgerissen werden.[1], [2] Daher mussten in der Nachkriegszeit die Klassenräume in verschiedenen anderen Gebäuden behelfsmäßig untergebracht werden. Dieser Missstand sollte durch einen Neubau auf dem Gelände zwischen Köllertalstraße, Rheinstraße und Hubert-Müller-Straße beseitigt werden. Heute befindet sich dort das Neubaugebiet Heubügel.
Die konkreten Planungen gehen auf die Zeit Ende der 1950er-Jahre zurück[3], wurden aber vermutlich deshalb verworfen, weil sich die Möglichkeit ergab, im Jahr 1964 in die ehemaligen Gebäude des Mädchenrealgymnasiums (heute: Gymnasium am Rotenbühl) an der Talstraße umzuziehen, nachdem dieses wiederum den Neubau im Neugrabenweg beziehen konnte.[2]

Quellen:
1. Wagner, Peter: Der gute Geist des Gymnasiums am Schloss. In: Saarbrücker Zeitung 24. Mai 2010,  online
2. Chronik des Gymnasium am Schloss auf der Homepage des Gymnasiums
3. StA SB V60-1021: Ortsteilplan Malstatt-Burbach – Bürgersteigbefestigungen in folg. Straßen ….16.01.1959

10.5.4 SS-Grenzlandsiedlung
[1] - [4]
In den 1930er-Jahren forderte die Schutzstaffel (SS) der Nationalsozialisten Bauland für die Errichtung einer Grenzlandsiedlung für 30 Eigenheime mit je 600 m² Garten- und Gemüseland. Die Häuser von SS-Siedlungen wiesen für damalige Verhältnisse einen hohen Standard auf und sollten der priviligierten Unterbringung von führenden SS-Angehörigen und deren Familie dienen.
Als Baugebiet schlug die SS das Gebiet südlich der heutigen Moselstraße vor. Die Forderung, das Bauland unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, wurde abgelehnt. Planungen seitens der Stadt Saarbrücken sahen dann Ende 1937 15 Doppelhäuser entlang des heutigen Ayler Wegs und des oberen Wiltinger Wegs vor.  Die Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt.  Stattdessen wurde das Gebiet nach Ende des 2. Weltkriegs mit der Ketteler-Siedlung bebaut, s. Kap. 10.3


Quellen:
1. Grundkarte des Deutschen Reichs, Blatt Saarbrücken-Malstatt, Hrsg. Reichsamt für Landesaufnahme, Berlin 1932, mit eingezeichneten Baubezirksgrenzen und handschriftlichem Beiblatt (StA SB, Sign. V 60 – 23 (G60-23): Bebauungsplan für das Gebiet an der Leipziger und Lebacher Straße (Neu-Malstatt) mit Plänen 1926 – 1937)
2. Schreiben  der 85. SS-Standarte v. 25. Nov. 1937 an den Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken (StA SB Sign. V 60 – 57: Verschiedenes 1925 – 1941)
3. Schreiben der Städtebauabteilung der Stadt Saarbrücken v. 31. Dez. 1937 an den Stadtbaurat Kruspe, a.a.O.
4. Plankarte des Städtischen Siedlungsamts v. 30. Dez.. 1937, Titel "Generelle Untersuchung über die Unterbringung der SS in der Rastpfuhl-Siedlung", a.a.O.



10.5.5
Projekt Knappenroth [1] - [4]
Im Jahr 1971 plante der Unternehmer Jürgen Gräßer den Bau eines Supermarktes mit 8.000 m² Verkaufsfläche und mehreren Mehrfamilienhäusern mit bis zu 24 Stockwerken am östlichen Ende der Straße Im Knappenroth. Der Kaufpreis für die Grundstücke betrug 5,2 Mio. DM. Die Erschließungskosten wurden mit ca. 2,5 Mio. DM veranschlagt. Als Betreiber für den Supermarkt war der saarländische ASKO-Konzern vorgesehen.
Im April 1974 erhöhte die Stadt Saarbrücken die Erschließungskosten auf nun ca. 4,5 Mio. DM. Später wurden auch der Bebauungsplan geändert und die Genehmigung des am 1. April 1974 eingereichten Bauantrags verweigert. Im August reichte Gräßer beim Landgericht Saarbrücken Klage auf Schadenersatz ein. Es folgte ein Prozessmarathon, der erst 2006 mit einem Richterspruch des Europäischen Gerichtshofs endete, wonach Gräßer ein Schmerzensgeld in Höhe von 45.000 € zugesprochen wurden. Die zuvor aufgewendeten Prozesskosten überstiegen Gräßers finanzielle Möglichkeiten und führten bereits im Jahr 1976 dazu, dass das Gelände zwangsversteigert werden musste. Zu einer Realisierung des Vorhabens kam es nie. Am 6. September 2010 wurde Gräßer tot aufgefunden. Die Behörden schlossen einen Suizid nicht aus.[4]

Architekturmodell Projekt Knappenroth

Abb. 10.5.2: Architekturmodell "Projekt Knappenroth"


Quellen:
1. Müller, Peter F. u. Müller, Michael: 1,5 mal 1,5 macht zusammen 1,5. Süddeutsche Zeitung v. 15. Jan. 2005
2. Koch, Tonia: Projekt Knappenroth - Eine unendliche Justizgeschichte. Online auf den Internetseiten von Deutschlandfunk Kultur.
3. Fründt, Steffen: Odyssee durch die Instanzen. In: Die Welt, 20.12.2006. Online auf den Internetseiten der Zeitung Die Welt.
4. Unternehmer Jürgen Gräßer tot aufgefunden. In: Die Welt, 07.09.2010. Online auf den Internetseiten der Zeitung Die Welt.

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Kap. 10.1 18. Jahrhundert bis ca. 1930: Der "alte Rastpfuhl"
Kap. 10.2 ca. 1930 bis Ende des 2. Weltkriegs: Bau der Waldsiedlung und die Anfänge neuer Wohngebiete
Kap. 10.3 Nachkriegszeit bis ca. 1960: Wiederaufbau und neue Wohngebiete
Kap. 10.4 ab ca. 1960: Lückenschlüsse und Erweiterungen
Kap. 10.5 Nicht-realisierte Projekte

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